Pfingsten – Geburtstag der Kirche

Liebe Kirche!

Heute feiern wir deinen Geburtstag und ich habe mal nachgerechnet: Es ist so ungefähr der 1979. oder sogar der 1982., so genau wissen wir das nicht, aber wer will bei dieser Zahl um drei Jahre streiten. Du bist also richtig alt geworden, und ich gratuliere Dir ganz herzlich dazu. Ich finde es sympathisch, dass man dein Alter ohne Scham aussprechen darf, keine verniedlichenden Zahlendreher, die dich künstlich jünger machen, als du bist. Dir ist dein Alter nicht peinlich und das macht einen guten Teil deiner Würde aus. Deine Falten, die das Alter manchmal mit sich bringt, trägst du mit einem wissenden Lächeln, denn du weißt: trotz deiner Jahre bist du innerlich mitunter erstaunlich jung.

Manche behaupten, du seiest so in die Jahre gekommen, dass mit deinem baldigen Ableben zu rechnen sei, müde seiest du geworden, mager und ohne Kraft und Lebenslust. Und je mehr man mit dir zu tun bekommt, desto mehr hat man manchmal das Gefühl, deine Kritiker könnten Recht haben. Schwerfällig erscheinst du mitunter in deinen Strukturen, undurchschaubar selbst für die, die dir nahe stehen. Und denke bitte auch in deinem alter daran: Wandeln ist ein Zeichen von Lebendigkeit, Unveränderlichkeit ist ein Merkmal des Todes. Und ich sage dir ganz offen: Du machst einen schlechten Eindruck, wenn du Menschen von oben herab behandelst. Du machst einen schlechten Eindruck, wenn du meinst, du allein wüstest, was wichtig und richtig ist. Dann wirkst du alt und überflüssig.

Doch dass mit deinem baldigen Ableben zu rechnen sei, sagt man schon mehr als 300 Jahre über dich, und die meisten von denen, die das über dich sagen, hast du einfach überlebt, herzlichen Glückwunsch. Für mich zeigt das, dass in dir etwas lebendig ist, was stärker ist, als alles, was wir dir geben können. Du bist stärker, als die Menschen, die zu dir gehören. Du bist mehr, als die Summe deiner Teile.

Ganz klein hast du mal angefangen, mit 12 Provinzlern aus Galiläer und 3000, deren Namen wir nicht kennen. Ganz im Verborgenen bist du in den ersten Jahrhunderten gewachsen, versteckt in Katakomben. Du warst in den Augen der Mächtigen immer ein ungeliebtes Kind. In dir leben Lieder, die den Rassismus überwinden – We shall overcome – in dir lebt eine Hoffnung, die Diktatoren gestürzt habt – „Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ In deinen guten Tagen bist du den Mächtigen der Welt ein kritisches und konstruktives Gegenüber und erhebst deine Stimme für die, die sonst keine Stimme haben. Heute zählst du auf der ganzen Welt über 2 Milliarden Mitglieder, damit bist du einfach die Größte.

Was ich an dir besonders mag und weswegen du meiner Ansicht nach unverzichtbar bist: du sammelst die Menschen, die von Gott begeistert sind und gibst ihnen die Möglichkeit, ihre Begeisterung zu teilen und weiterzugeben. In dir lebt die ansteckende Gesundheit des Heiligen Geistes. Unter deinem Dach kommen wir Christen zusammen, um uns zu trösten, zu ermutigen, auszutauschen und Gott zu feiern, Glauben zu leben und Glauben zu erleben, bei dir und in dir teilen wir Christus. Kurz gesagt: Weil es dich gibt, muss kein Mensch allein sein, denn deine Türen stehen jedem offen. Wie dürftig wäre es um mein Leben bestellt, wenn ich nur mich hätte. Wenn ich von Gott nur in meinen Worten hören würde. Wenn ich nur meine Sprache und meine Riten für Trauer und Freude hätte. Ich brauche dich, liebe Kirche, mit den anderen Christen, mit ihren Worten und Gesten des Trostes. Ich brauche die erprobten und durch Generationen bewährten Psalmen ebenso wie die spontanen Gebete. In dir bekomme ich das Brot des Lebens, das ich mir selbst nicht backen kann.

Du hast in deinem langen Leben zahlreiche Höhen und Tiefen erlebt. Wir dürfen offen aussprechen, dass du manchen Versuchungen erlegen bist. Oft genug hast du das Leben mit Füßen getreten. Keine guten Zeiten, aber was ich wiederum an dir bewundere: wir müssen diese Irrwege nicht peinlich verschweigen. In dir lebt die Kraft, zu deinen Fehlern zu stehen. Wie schön wäre es, wenn mehr von dieser Kraft auch in uns Menschen lebendig wäre. Seit fast 2000 Jahren verleihst du Menschen die Kraft, über sich hinauszuwachsen und den Himmel auf die Erde zu holen. Und das auf ganz vielfältige Weise:
Für dich haben Menschen die schönsten Bauwerke errichtet. Man mag es für Geschmackssache halten, ob der Petersdom in Rom das schönste Gebäude der Welt ist, oder eine der gotischen Kathedralen in Frankreich oder eine kleine schnuckelige Dorfkirche, aber eins muss jeder, der Geschmack und Verstand hat zugeben: das schönste Gebäude der Welt muss eine Kirche sein.

Und du versteckst deine Gebäude nicht, sondern besetzt mit ihnen die zentralen Plätze unserer Dörfer und Städte. Damit hältst du in Toplagen, nach denen sich jeder Geschäftsmann die Finger lecken würde, einen Raum offen, der dem Konsum und dem Gewinnstreben enthoben ist. Du hältst in der Mitte unseres Lebens einen Raum frei, in dem der Millionär so viel zählt wie der Hartz-IV Empfänger. Du schenkst uns einen Ort, an dem nicht die Macht des Habens zählt, sondern die Macht der Barmherzigkeit. Einen Ort, an dem ich über mich hinauswachsen darf, träumen darf von einem Reich, in dem Gerechtigkeit und Frieden wahr werden. Du schenkst mir einen Ort in der Mitte meines Lebens, an dem Versöhnung gefeiert wird, eine Versöhnung, die nicht an meinem Mühen und Wollen hängt, sondern die mir unverfügbar geschenkt wird. Einen Ort, an dem ich weinen darf. Wo darf man das schon, mitten in der Stadt?

Du bist der älteste Global player und von allen Global playern bist du der, der am dichtesten an den Menschen dran geblieben ist. Während die anderen Global Player nur noch in größeren Städten ihre Niederlassungen haben, bist du auch in kleinen Dörfern vertreten. Oft mit einer schönen Kirche, aber immer mit Menschen, die zu dir gehören und dich bilden, indem sie sich versammeln. Und trotz all deiner Größe bist du sehr bescheiden geblieben. Wo zwei oder drei sich in Jesu Namen versammeln, da bist du, liebe Kirche, in deiner ganzen inneren Pracht lebendig. Mehr brauchst du nicht wirklich, als zwei oder drei Menschen, die bescheiden die Hände falten und zu Gott beten.

Du stehst Menschen in den großen und kleinen Nöten des Lebens bei. Du wendest dich nicht ab. Im Gegenteil: Menschen wissen ganz intuitiv, dass sie bei dir gut aufgehoben sind, wenn Katastrophen ihr Leben durchrütteln. Wenn Leid über uns hereinbricht, dann kommen Menschen zu dir gelaufen, um bei dir nach Gott zu fragen und Trost zu finden. Ob beim Zugunglück von Eschede, beim Amoklauf in Winnenden, beim Anschlag auf das World Trade Center, oder beim privaten Tod eines geliebten Menschen. Du öffnest deine Türen, in dir kann man eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen, Worte und Lieder vom Leben hören und singen. Zu dir dürfen auch die kommen, die in dir nicht ständig zu hause sind. Sie dürfen kommen, sich probeweise deiner Sprache, deinen Gesten bedienen und getröstet nach hause gehen. Danke, dass deine Türen so weit offen stehen.

Überhaupt: wo du bist, da ist Musik, da wird gesungen. Wo sonst gibt es das heute noch, außer in Gesangsvereinen. Und egal ob es Cantaten oder Gospel, Jubellieder oder Trauergesänge sind, immer sind es Lieder, die vom Leben singen, vom dem Leben, das sich nicht einmal vom Tod unterkriegen lässt. Zu dir kann man kommen, wie ein kleines Kind. Und so haben die recht, die dich liebevoll „Mutter Kirche“ nennen.

O.K., geliebte Mutter Kirche, man kann dir nicht zum Geburtstag gratulieren, ohne zu erwähnen, dass du manchmal ziemlich streitbar bist. Und seit du vor gut 500 Jahren noch den Protestantismus geboren hast, ist die Zahl deiner Stimmen manchmal verwirrend unübersichtlich geworden. Unsere Charta Oecumenica ist ja ein beredtes Beispiel, wie vielstimmig du allein im Osten von Hannover geworden bist. Aber vielleicht muss das so sein, wenn es um die letztgültigen Wahrheiten des Lebens geht. Aber bitte, meine liebe Kirche: nimm deine Vielstimmigkeit als Zeichen dafür, dass keiner auf Erden über die letztgültige Wahrheit verfügt. In aller Streitbarkeit bewahre dir ein weites Herz!
Ich staune immer wieder, wie bunt und vielfältig du bist. Manchmal erscheinst du mir in deinen Formen sehr fremd, und doch entdecke ich dann, dass auch hier Jesus gefeiert und Gott und der Nächste geliebt werden, und dann spüre ich in dir eine Weite, die ich allein meinem Glauben nicht geben könnte, eine Weite, die meinen Verstand und die Grenzen dieser Welt übersteigt.

Liebe Kirche, bei allem Lob kann ich nicht verschweigen, dass dein Bodenpersonal mitunter peinlich ist, mit seinem Gehabe und seiner Lieblosigkeit deine Ideale verrät. Und gerade deswegen danke ich dir, dass du größer bist, als die Summe unserer Bemühungen und unserer Redlichkeit.

Liebe Kirche, ich bin heilfroh, dass es dich gibt. Denn in dir lebt eine Hoffnung, die wir Menschen uns nicht selbst geben können. Du bist die Trägerin der heilsamen Hoffnung, dass der Schöpfer dieser Welt es auch gut mit ihr meint. In dir lebt die Hoffnung, dass wir auf dem Weg zu einem himmlischen Vater sind, der uns bedingungslos und unendlich liebt. Und in dir gewinnt in Worten, Riten und Taten diese Hoffnung Gestalt. Damit weist du weit über diese Welt und ihre Regeln hinaus, damit holst du uns den Himmel auf die Erde. In dir begegne ich immer wieder Menschen, die mit mir diese Hoffnung teilen, mich stärken und ermutigen. Und in dir begegne ich dem Heiland. Er ist in dir lebendig, da wo Menschen sich in seinem Namen versammeln.

Ich wünsche dir nicht das übliche zu deinem Geburtstag. Was solltest du mit Gesundheit und einem langen Leben anfangen, wo du uns doch den Himmel in die Ewigkeit hinein offen hältst. Aber ich wünsche dir und bete dafür, dass in allem, was du tust, nur der Geist Gottes in dir weht.

Amen.
Pastor Joachim Deutsch (ev.-luth.) im Ökumenischer Pfingstgottesdienst  in der Kapelle des Annastiftes am 28.05.2012

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